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Von Gabbid,

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Der Autor

Lew (Leo) Nikolajewitsch Graf Tolstoi entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Er wurde 1828 in Jasnaja Poljana geboren und war bereits mit neun Jahren Vollwaise, so dass er unter die Vormundschaft der Schwester seines Vaters gestellt wurde. 1844 studierte er in Kasan zunächst orientalische Sprachen, wechselte dann an die juristische Fakultät, die er aber mangels Erfolg wieder verließ. Nach Abbruch des Studiums versuchte er erfolglos auf dem familiären Stammgut Landreformen durchzuführen. Ab 1851 diente er in der Kaukasusarmee, nahm 1854/55 am Krim-Krieg teil und beendete 1856 seine Militärzeit.
1860 unternahm Tolstoi eine einjährige Eurapareise und lebte nach seiner Heirat mit Sofja Andrejewna Behrs mit ihr in Jasnaja Poljana und Moskau. In diesen Jahren intensivierte er seine Reformpläne und richtete Dorfschulen nach dem Vorbild von Rousseau ein. Sein literarisches Schaffen erreichte einen Höhepunkt 1868/69 mit "Krieg und Frieden", 1878 "Anna Karenina" und 1899 "Auferstehung", wobei die beiden ersten Romane seinen Weltruhm sicherten. In den Jahren 1879-82 sagte er sich endgültig vom Adel los und wechselte auf die Seite der patriarchalischen Bauernschaft.
In seinen letzten Lebensjahren genoss er zwar einen renommierten Ruf, wurde aber 1901 trotzdem von der obersten russischen Kirchenbehörde exkommuniziert. Während der Revolution 1905 stellte er sich auf die Seite der russischen Bauern, lehnte aber entsprechend seiner Ansicht Gewalt kategorisch ab. Im November 1910 floh er krank und verwirrt heimlich aus Jasnaja Poljana und starb 1910 auf der Bahnstation Astapowo. Er wurde später in Jasnaja Poljana beigesetzt.



Das Werk

„Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie aber ist auf ihre Art unglücklich.“, so beschrieb Tolstoi seinem Roman, der 1878 veröffentlicht wurde.

Im Blickpunkt steht Anna Karenina, die nach Moskau reist, um die Eheprobleme ihres Bruders Oblonskij und seiner Frau Dolly zu lösen. Sie selbst ist mit Alexej Karenin verheiratet. Als Anna und Alexej Wronskij am Moskauer Bahnhof nur für einen kurzen, jedoch schicksalhaften Moment aufeinandertreffen, genügt das, um die Leidenschaft beider zu entfachen. Annas Liebe wird so stark und besitzergreifend, dass sie in ihrer jetzigen Lebenssituation nicht mehr leben kann. Die Gefühle überwinden jeden Anflug und Vernunft und führen dazu, dass sie um der Liebe Willen ihr Kind verlässt und ihre Familie zerstört. Die hingebungsvolle Mutter Anna wird zur leidenschaftlichen Geliebten, die auch den Tadel der Gesellschaft in Kauf nimmt. Doch Schuld und Selbstbestrafung umspinnen ihre Gegenwart und machen ihre Zukunft unmöglich.

Als Kontrast zu dieser Haupthandlung wird die Gegenwelt des Gutsbesitzers Lewin dargestellt. Von seiner Werbung um Kity Schtscherbazkij in Moskau, der ersten Abweisung, der später doch folgenden Hochzeitund den kleineren Krisen des jungen Glücks entsteht das Bild einer bäuerlich, idyllischen Gegenwelt, die noch nicht korrumpiert ist.

Durch den Jugendfreund Lewins, Stefan Oblonskij, werden beide Handlungen, beide Welten, miteinanderin Beziehung gebracht und es entsteht sogar noch eine dritte Handlung, die sich um eben diesen Stefan Oblonskij selbst rankt. Er ist mit Kity’s Schwester verheiratet, ein Lebemann, der deren ganzes Vermögen durchbringt und nur durch seine Geselligkeit und naive Art nicht sozial geächtet wird.

Die Handlungen laufen nebeneinander und miteinander, verbinden sich und trennen sich wieder, aber im Fokus bleibt stets die Liebe, ihre Formen und die Konsequenzen, die sie nach sich ziehen kann – im Fall von Anna muss.

„Anna Karenina“ wurde 1935 erstmals verfilmt und es folgten Hörspiele, Dramatisierungen und Filme. Greta Garbo und Vivien Leigh, Jacqueline Bisset und Sophie Marceau gaben Anna Karenina ihr Gesicht und bis heute bildet der Stoff indirekt und direkt das „Material“ für Film und Literatur.



Relevante Aspekte

„Anna Karenina“ mag auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Liebesroman erscheinen, aber er ist weit mehr als das. Eingebettet in die konkrete politisch-historische Situation, beginnend 1870 mit den Modernismustendenzen und endend 1876 mit dem russisch-türkischen Krieg, wird ein Querschnitt durch die russischeGesellschaft gezeigt, die ebenfalls im Wandel begriffen ist. Neben dem degenerierten Adel, der nur vom Glanz vergangener Zeiten lebt, gibt es den neureichen Millionär aus Amerika, die aufsteigende Mittelschicht, den hart arbeitenden Bauerstand und die sozial Schwachen und Geächteten. Alle werden von Tolstoi gezeigt, nicht beschönigend, aber auch nicht karikierend verzerrt. Eine große Palette an Personen und Haltungen soll zeigen, die gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Ereignisse betreffen alle Schichten und ein jeder wird von ihnen anders behandelt.

Neben dem Liebesmotiv steht aber auch konkret die Opposition zwischen Stadt und Land, Fortschritt undTradition, Korruption und Integrität im Fokus. Lewin flieht der Stadt, weil er um das Seelenheil seiner Frau und des seinen fürchtet. Er errichtet für sich eine Parallelwelt, die die Gesetze der russischen Bauern achtet und auch wieder zu Gott findet. Sein Vorarbeiter ist es, der mit einem Satz alle Zweifel vergehen lässt, denn er fragt ihn, ob das Wohl des Menschen, seine Seele, in der gesellschaftlichen Tretmühle überhaupt existieren kann, da die Natur erst das Gleichgewicht zu Gott herstellt. Diese Gesellschafts- bzw. Stadtkritik spiegelt Tolstois eigene Haltung wieder, da er selbst den Rückzug aufs Land als idealisierte Form der Harmonie erachtete.

Obwohl Anna sich Wronskij hingibt, alle gesellschaftlichen Normen und ihren eigenen Moralkodex ignoriert, schwebt über dem ganzen Roman der Hauch des Fatalismus. Es wäre zu schön, zu einfach, wenn die beiden Liebenden – bis das der Tod sie scheidet – zusammen leben könnten, denn Anna selbst hat die vermeintlichen Normen zu stark verinnerlicht, als dass sie ihnen fliehen könnte. Sie hadert mit sich, zweifelt ihre Wahl an, kann der erotischen Anziehungskraft Wronskijs aber nicht widerstehen und weiß doch, dass sie einen hohen Preis wird zahlen müssen. Dieser erfolgt mit dem Verlust des Kindes, der Scheidung, gesellschaftlichen Ächtung und dann, schleichend, auch durch die Abwendung Wronskijs selber. Es ist wieder ein Bauer, der die Losung ausgibt, denn in einem Traum Annas murmelt ein Bauerngesicht „Man muss das Eisen schlagen, brühen und härten“.
Annas Charakter ist aber nicht zu härten, denn das Schuldgewicht drückt sie erbarmungslos zu Boden. Dass Wronskij in seltsamer Gedankenübertragung den selben Traum träumt, die selben Worte hört, verstärkt den Eindruck des unerbittlichen Existenzgerichtes. Und so kommt es zu seiner Beobachtung, die Annas Schicksal besiegelt:

„Wronskij blickte Anna an, wie ein Mensch auf eine durch ihn abgerissene Blüte schauen mag, an der er nur mit Mühe noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren sie brach und dem Untergang weihte.“

Als ob Anna diese Gedanken telepathisch aufgefasst hätte, gibt sie dem Druck nach und läuft in Richtung Bahnhof, wo soeben ein Zug eintrifft...



Dieser Roman zeigt einmal mehr Tolstois Geschick für auch die feinsten psychologischen Regungen des Menschen. Es gibt hier keine holzschnittartige schwarz-weiß Malerei, sondern jede Figur wird in ihrer individuellen Machart beleuchtet. Keine Figur wir belächelt oder trivialisiert, sondern alle werden in ihrer eigenen Komplexität dargestellt. Die Wendung „sich in eine Person hineinversetzen“, trifft hier also absolut zu.

Neben der Fokussierung auf die Paare kommen aber auch politische, historische, kulturelle und philosophische Aspekte nicht zu kurz, denn der Roman bildet auch die Verhältnisse, Tendenzen und Geisteshaltungenum 1870 ab. Somit entsteht neben dem Mikrokosmos – die Paare – auch ein Makrokosmos – die russische Gesellschaft - , der die Handlung kontextuell erschließen lässt.


Das Selbstmordmotiv hat dazu geführt, dass man „die drei tragischen Frauengestalten“ - Anna Karenina, Effi Briest (Fontane) und Madame Bovary (Flaubert) – oft miteinander verglichen bzw. als einen Typus festgelegt hat. Das mag für eine Theorie zuträglich sein, aber man sollte die Werke bzw. Frauen nicht 1:1 vergleichen, da bspw. Tolstoi nicht im nüchtern-distanzierten Stil eines Flauberts geschrieben hat, Fontane wiederum den Fokus auf die Natur als Abbild der Gesellschaft legt und nicht, wie bei Tolstoi, Gott ins Spiel bringt.

„Anna Karenina“ gehört ohne Frage zu den Großen und Tragischen der Weltliteratur und somit kann ich jedem Leser nur sagen: Lesen, lesen, lesen. :)