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Von Gabbid,

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Günter Grass schrieb 1967 in "Über meinen Lehrer Döblin" folgendes: "Der progressiven Linken war er zu katholisch, den Katholiken zu anarchistisch, den Moralisten versagte er handfeste Thesen, fürs Nachtprogramm zu unelegant, war er dem Schulfunk zu vulgär. [...] Der Wert Döblin wurde und wird nicht notiert." Diese Aussage erscheint bitter, ist aber nicht von der Hand zu weisen, wenn man sich erinnert, dass Alfred Döblin zeitlebends "nur" als der Verfasser des "Berlin Alexanderplatz" galt, seine späteren Werke unbeachtet oder als Durchschnittware bewertet wurden.


Als der Roman erschien, war Döblin 51 Jahre alt, in den nächsten vier Jahren wurde das Werk über 50,000 Mal verkauft, 1931 mit dem damaligen berühmtesten deutschen Schauspieler Heinrich George in der Rolle des Franz Biberkopf verfilmt und fiel dann der Bücherverbrennung durch die Nazis zum Opfer. Döblin ging nach Amerika ins Exil, lebte dort mittellos von der Wohlfahrt, reiste mit einem Visum nach Paris, um 1946 nach Deutschland zurückzukehren. Literarischer Ruhm blieb ihm versagt und er selbst notierte in einem Vorwort zu einer Neuauflage des "Berlin Alexanderplatz": "Wenn man meinen Namen nannte, fügte man Berlin Alexanderplatz hinzu.". Anfang der 50er siedelte Döblin nach Paris über, wo er auch am 26.Juni 1957 starb.

Die eigentliche Handlung des Romanes ist schnell erzählt, erscheint vielleicht sogar nicht allzu spektakulär, und kann mit der Beschreibung auf dem Umschlag der ersten Ausgabe von 1929 zusammengefasst werden:

"Von einem einfachen Mann wird hier erzählt, der in Berlin am Alexanderplatz als Straßenhändler steht. Der Mann hat vor, anständig zu sein, da stellt ihm das Leben hinterlistig ein Bein. Er wird betrogen, er wird in Verbrechen hineingezogen. Zuletzt wird ihm seine Braut genommen und auf rohe Weise umgebracht. Ganz aus ist es mit dem Mann Franz Biberkopf."

Im Zentrum des Geschehens steht also der Ex-Sträfling Franz Biberkopf, der im Affekt seine Geliebte Ida erschlagen hat, dafür 4 Jahre im Gefängnis saß und sich dort geschworen hat, nie wieder straffällig zu werden und ein ordentliches Leben zu führen. Dieser Franz ist kein kluger Kopf, aber er hat das Herz am rechten Fleck, ist gutmütig, bärenstark, immer direkt, ehrlich und hat ein Geschick bei den Frauen. Nach seiner Entlassung bemüht sich der ehemalige Transportarbeiter um Arbeit, muss aber schnell erkennen, dass er nicht gebraucht wird. Er streunt am "Alex" herum, trinkt sein Bier und nach und nach gerät er wieder in falsche Kreise.
Reinhold, ein krummer Vogel, der Biberkopf's Gutmütigkeit sofort erkannt hat, nutzt diesen für windige Unternehmungen aus. Er lässt ihn bei einem Raub Schmiere stehen, bereichert sich, flieht und stößt bei der nachfolgenden wilden Verfolgungsjagd mit der Polizei Franz aus dem Auto und überfährt ihn dabei. Franz kommt bei dieser Tat nicht nur direkt, sondern auch metaphorisch unter die Räder, denn dies ist der Anfang seines Endes. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt begegnet Franz Mieze, einem jungen Geschöpf, das ihn liebt, mit ihm zusammen ehrlich leben will und dafür alles Geld spart. Nach einer Weile des Glückes taucht Reinhold wieder auf, erschleicht sich erneut Franz' Vertrauen und beginnt sich an Mieze heranzumachen. Sie weist ihn ab, er wird wütend, auf die Zurückweisung und auf Franz, der dieses Glück seiner Meinung nach nicht verdient. Aus diesem Hass heraus verführt er Mieze, tötet sie und schiebt die Schuld Franz in die Schuhe. Dieser bricht zusammen und wird in die Psychiatrie eingewiesen.
Die späteren Ermittlungen entlasten ihn zwar und belasten Reinhold, doch Franz ist ein gebrochener Mann, der als Hilfsportier einer Fakrik sein Dasein fristet. Es endet mit den Worten: "Ramponiert steht er zuletzt wieder am Alexanderplatz, das Leben hat ihn mächtig angefaßt."

Was auf den ersten Blick wie eine mittelmäßige Geschichte rund um einen Verlierertyp aussieht, ist bei näherem Hinsehen aber weit mehr. Der Roman lebt durch und mit diesem Franz Biberkopf, der keiner der bekannten Figuren aus der Literatur ähnelt, also zu gut oder zu schlecht ist, sondern er ist ein "Original", ein Mensch aus der Realität gegriffen, der von den >Goldenenen Zwanzigern< nichts mitbekommt, weil er durch Krieg, Inflation, Arbeitslosigkeit und geistiger Verarmungen auf der Straße lebt. Der Alexanderplatz ist die Anlaufstelle der Gestrandeten, Armen, Bettler, Prostituierten, Kleinkriminellen, Händler und Zeitungsverkäufer. Sie sind das Berlin, das die reiche Oberschicht nur aus der Straßenbahn heraus sieht. Sie haben nichts mehr, nur noch einen Traum, wie Franz sagt "mehr vom Leben zu verlangen als das Butterbrot." Doch dieses Leben schlägt erbarmungslos zurück, für jeden Zentimeter, den Franz nach oben aus dem Sumpf kriecht, wird er 1 Meter tiefer hineingestoßen. Er kämpft, begehrt auf und: verliert.


Die Handlung wird nun nicht in realistischer Manier vor dem Leser ausgebreitet, sondern Alfred Döblin hat hier als erster deutscher Schriftsteller die Technik der Montage bzw. Collage in einen Roman transportiert. In eine Beschreibung platzt auf einmal der Slogan einer Reklame, gefolgt von Stadtsymbolen, Zeitungsinseraten, Gesprächsfetzen anderer Leute, Grafiken, Kinoplakte und und und. Wie in einem großen Mosaik reihen sich kleine Steinchen aneinander, spiegeln und bespiegeln sich, so dass das Gesamtbild immer bunter und vielfältiger wird. Das ist für den ungeübten Erstleser sicher gewöhnungsbedürftig, zumal die Figuren im Stück auch mit Berliner Dialekt sprechen, aber der Wirkung kann man sich, meiner Meinung nach, trotzdem nicht entziehen.


Der Alexanderplatz lebt, pulsiert, die Figuren sind kleine Rädchen in seinem Getriebe und die Großstadt erscheint wie ein düsterer Turm von Babylon, der mit orakelhaftem Schicksalston die Zukunft offenbart: Sie ist düster - für den Menschen. Das Dramatische und Beeindruckende am Roman ist, dass nichts beschönigt wird, es ist kein künstlicher Pathos vorhanden, keiner ist besser oder schlechter als der Andere und auf der Suche nach dem Leben werden viele Vorsätze getroffen, die dann nach und nach in bittere Erkenntnis übergehen. Man kann die Verzweiflung und Ohnmacht regelrecht spüren, Franz wächst einem ans Herz und doch ahnt man, dass er nicht bestehen wird, nicht bestehen kann, denn das Leben hat immer noch ein Ass mehr im Ärmel...


Dieser Roman ist sicher keine leichte Kost, aber wer sich durch Stil und Technik nicht einschüchtern lässt, wird beeindruckt sein und somit kann ich ihn nur wärmstens empfehlen. Alfred Döblin hat mit "Berlin Alexanderplatz" den ersten Großstadtroman geschaffen, der bis heute nachhallt und obwohl ihm weiterer Ruhm versagt blieb, ist er doch ein großer Literat. Vielleicht der anderen Art. Marcel Reich-Ranicki sagte über ihn:

"Eigensinnig und selbstvergessen suchte er seinen Weg - ein wahrer Amokläufer unter den Schriftstellern unseres Jahrhunderts."

Fassbinder verfilmte den Roman 1980 erneut und es bleibt zu hoffen, dass dieser Amokläufer weitere Leser auf seine Irrfahrt mitnimmt.
  • Gabbid -

    Hatte Walther Ruttmann's experimentelle Doku "Die Sinfonie der Großstadt" eigentlich einen Einfluss auf Döblin's Roman?

    • Gabbid -

      Die Frage bleibt bis heute spekulativ, Döblin selber schrieb dem Züricher Lesezirkel 1932:
      „Es wäre eine lange Geschichte zu erzählen, wie ich zum Stoff und zu dem Grundmotiv des Buches kam. Hier will ich nur sagen: mein ärztlicher Beruf hat mich viel mit Kriminellen zusammengebracht. Ich hatte auch vor Jahren eine Beobachtungsstation für Kriminelle. Von da kam manches Interessante und Sagenswerte.“